Daniele Sette:

  • Geboren am 28. Februar 1992
  • Aufgewachsen in St. Moritz, GR
  • Kandidat SAS Bern
  • B Kader von Swiss Ski
  • 3x Top 20 in einem World Cup Riesenslalom
  • Eigene Internetseite: danielesette.ch
  • Eigener Newsletter: danielesette.ch


Interview vom 5. März 2021 mit Daniele Sette (Kandidat SAS Bern), geführt von Miro Vuille (SAS FR, ComCom)

 

Letztes Wochenende bist du dein bisher bestes Resultat herausgefahren: 11. Platz im Weltcup Riesenslalom von Bansko, zudem mit Laufbestzeit im zweiten Lauf. Bravo! Was ist da in dich gefahren?

Danke. Während der ganzen Saison über hatte ich schon das Gefühl, dass es nicht viel mehr braucht, um so einen Exploit zu ermöglichen. Am ersten Renntag in Bansko waren es genau meine Verhältnisse - eisig, steil und schwierig – das mag ich extrem. Während dem Rennen hatte ich allerdings gespürt, dass ich keinen Gripp hatte. Ich fühlte mich dadurch nicht wohl und hatte so letztlich keine Chance. Also habe ich das Material auf den zweiten Renntag geändert (Skischuh gewechselt und Anpassungen am Ski).
Am zweiten Renntag (an meinem Geburtstag) hatte ich eine gewisse Lockerheit am Start und hatte auf der Piste sofort das Gespür, dass das Material passt. Der 1. Lauf war solid, dadurch konnte ich Selbstvertrauen tanken. Im 2. Lauf konnte ich nochmals mehr andrucken. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, dass mein 2. Lauf am Limit war – vielmehr hatte ich das Gefühl, dass ich eine gute Fahrt absolvierte. 

Zudem hat sich dies alles an deinem Geburtstag abgespielt – was für eine sensationelle Geschichte! Konntest du den Tag schon verarbeiten?

Es hat tatsächlich etwas an Zeit gebraucht, bis ich all das verarbeiten konnte, denn es waren schon extrem schöne Emotionen. Als ich in der Leaderbox sass, hat sich das ewig lange angefühlt. Und richtig realisiert, dass mein Lauf nicht so schlecht war, war als sich Zubcic hinter mir klassierte. Aber klar, gerade nach dem Rennen will jeder etwas von dir und wir hatten ein wenig Zeitdruck, um den Flieger nach Zürich nicht zu verpassen. Zudem war ich extrem müde, aber alle Presseanfragen sowie alle Glückwünsche wollte ich schon beantworten. Dann habe ich einem ruhigen Moment meinen Lauf nochmals ansehen, das half mir das ganze schon besser einzuordnen. Schlussendlich so ganz realisieren werde ich es wohl erst am Ende der Saison. 

Lustige Anekdote: Vor zwei Jahren in einem Rennen im Europacup, auch an meinem Geburtstag, war ich nach dem 1. Lauf führender. Im 2. Lauf, in den letzten Toren, habe ich eingefädelt (sehr unüblich im Flachen) und so mein erstes Europacup-Podest verpasst. Meine Enttäuschung war riesig. Mein Trainer sagte mir damals: «Daniele, das mag natürlich extrem bitter sein, aber es wird zurückkommen, und nicht da, sondern im Weltcup». Dass sich diese tolle Geschichte nun exakt zwei Jahre später bewahrheitet, ist schon schön.

2014 bist du zum ersten Mal an den Start im Weltcup (Adelboden), seit der Saison 2019/2020 bist du regelmässig am Start im Weltcup. Wie hast du dich in dieser Zeit als Skirennfahrer entwickelt?

Für mich war es eine grosse Lebensschule. Ich habe vieles selber gemacht; habe gelernt, wie ich mit Sponsoren umgehen muss; wie ich mit den Menschen reden muss; was ich Leisten muss, um eine Gegenleistung zu kriegen. Eine Saison hatte ich ohne Trainer absolviert. Da musste ich von der Planung bis zu den Buchungen alles selber gestalten. Letztlich habe ich auch gelernt, mit Verletzungen umzugehen – die haben mich schon sehr geprägt. Da habe ich gelernt geduldig zu sein und meine Gesundheit zu schätzen. Zudem hat es mich motiviert, im mentalen Bereich immer mehr ins Detail zu gehen. Generell strebe ich die Perfektion an und möchte möglichst nichts dem Zufall überlassen.

Neben dem Skirennsport warst du auch schon als Skilehrer tätig. Gilt bei dir das Motto: Hauptsache Skifahren?

Dazu muss ich erwähnen, dass die Skischule St. Moritz eine meiner Sponsoren ist. Nach einer Knieverletzung habe ich die Zeit genutzt um als Skilehrer zu arbeiten und zugleich meinem Sponsor etwas zurückzugeben. Als Skilehrer bist du dann allerdings nicht nur auf den Ski, sondern auch oft in den Restaurants.
Aber nein klar, Skifahren ist meine Leidenschaft. Im Frühling nach der Knieverletzung habe ich dann die lokale Trainingsgemeinschaft begleitet, wo ich Kinder bei ihren Trainings unterstützt hatte. Da wollte ich vor allem etwas an die Jungen weitergeben – ich selber wäre auch extrem froh gewesen, wenn ein Skiprofi mit uns jungen auf die Piste gekommen wäre. Zudem lernt man bei der Arbeit mit Jungen selber auch viel: Wie kann ich etwas verständlich weitergeben? Dabei fasst man Automatismen in Worte und beginnt noch bewusster zu fahren.
Letztendlich ist klar, dass ich extrem gerne auf der Piste stehe. Ich habe aber auch bereits auf dem Bau gearbeitet, um Geld zu sparen und so schnell wieder auf die Piste zurückzukehren.

Zurück zum Beginn deiner Karriere. Du bist 1992 in Samedan geboren und in St. Moritz aufgewachsen. Wann und wie war deine erste Begegnung mit dem Skisport?

Das war in Surlei / St.Moritz – Bad an einem Seillift als ich 2 Jahre alt war. Mein erster Ski hatte keine wirkliche Bindung, vielmehr war es ein Gummizug, mit dem ich meine Schuhe halbwegs befestigen konnte. Meine Mutter erzählt heute noch, dass ich damals einfach gerade die Piste herunterfuhr und eine riesige Freude ausstrahlte. Die ersten Kurven fuhr ich dann zwischen den Beinen meines Vaters. Mein Vater ist kein Skirennfahrer, trotzdem hat er mir das Skifahren beigebracht, darauf ist er schon schön stolz.

In deiner Karriere musstest du verletzungsbedingt mehrere Rückschläge hinnehmen und trotzdem bist du jetzt an der Spitze. Woher kommen deine Kraft und deine Motivation immer weiterzumachen?

Für mich ist es klar meine Leidenschaft für den Skirennsport. Das war meine Lebensentscheidung. Ich liebe Sport, ich liebe Spitzensport und ich stehe jeden Morgen auf und habe ein Ziel vor meinen Augen. Ich mache das alles wirklich gerne, daher bin auch bereit sehr viel dafür zu geben. Andererseits habe ich durch meine Verletzungen auch wieder vielmehr zu schätzen gelernt, auf den Ski zu stehen. Nie war meine Freude beim freien Skifahren grösser als nach meiner ersten groben Verletzung.

Du betreibst ein sehr professionell geführte Internetseite über dich. Darin teilst du mit deinen Fans und Sponsoren viele spannende Eindrücke und Videos. Eines deiner Hobbys neben dem Skisport?

Danke. Ich probiere alles professionell zu machen, sei es im Skiraum, Interviews zu geben, den Newsletter oder eben meine Homepage zu gestalten. Allerdings muss ich sagen, dass ich bei der Homepage und beim Newsletter die Hilfe von zwei guten Kollegen in Anspruch nehmen kann. Denn dies sind aufwendige Angelegenheiten und schlussendlich möchte ich meine Priorität Nr. 1 nicht aufgeben – mein Training. Mein Bruder ist Fotograf und hilft mir bei den Fotos, somit ist schon vieles abgedeckt. Das schätze ich extrem, denn ein gutes Umfeld ist extrem wichtig für mich, aber auch generell für Sportler. Die verschiedenen Vlogs die auf meiner Homepage ersichtlich sind habe ich für all meine Supporter gemacht. Dabei gewähre ich Einblick in mein Leben als Skirennfahrer, lasse alle an meinen eigenen Weg teilhaben und biete gleichzeitig meinen Sponsoren eine Plattform.

Du bist Kandidat des SAS Bern. Wie bist du auf den SAS gestossen?

Durch verschiedentliche Trainingsaufenthalte im Sommer in Neuseeland kam ich in Kontakt mit verschiedenen Mitgliedern des SAS, die allesamt da ihre Trainings absolvierten. Ich bekam also schon relativ früh mit SASlern in Berührung. Letzte Saison wollte ich beim SAS kandidieren, da ich ein Studium in Aussicht hatte. Wegen meinen guten Resultaten im Europacup wurde ich dann allerdings von Swiss-Ski ins B-Kader aufgenommen und setze nun alles auf die Karte Skirennsport, bevor ich mein Studium beginne. Momentan habe ich mich noch für kein Studium entschieden. Klar ist aber, dass ich mich für Sport, Bewegungswissenschaft, Physik, Anatomie und generell alles was mit dem Körper und Sport zu tun hat interessiere. Wann wie und wo muss ich mir erst noch genau überlegen.

Was war dein bisheriges Lieblingsrennen?

Adelboden 2020 war ganz klar ein Highlight für mich. Die Stimmung war einfach einzigartig. Schon nach dem Start hörte man die schwingenden Glocken und im Zielhang wurde die Stimmung dann überwältigend, so dass ich wirklich am Limit fuhr und prompt Abschnittsbestzeit herausfuhr. Zudem weisst du, dass in dieser Menschenmasse auch deine ganze Familie samt Freunden vor Ort sind, was zusätzlich motiviert. Diese Motivation konnte ich in schnelles Skifahren umsetzen und konnte dadurch meine ersten Weltcup-Punkte holen. Zudem war mein allererstes Weltcup-Rennen 2014 auch in Adelboden. Von da an hat meine gute Beziehung zu Adelboden seinen Lauf genommen. 

Letztlich noch ein kurzer Blick in die Zukunft: Was darf man von dir alles noch erwarten?

Erwarten lieber nichts. Ich bin voller Überraschungen, daher einfach gespannt warten und zuschauen.

 

Foto: © Federico Sette

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