
Interview mit Tanguy Nef
Tanguy Nef:
- Geboren am 19. November 1996 in Genf
- SAS Genf seit 2017
- Studiert Informatik und Wirtschaft am Dartmouth College, New Hampshire, USA
- A Kader von Swiss-Ski
- 5x Top 10 in einem Weltcup-Slalom
- Eigener Fanclub
- Eigene Internetseite
Interview vom 14. Januar mit Tanguy Nef (SAS GE), geführt von Miro Vuille (SAS FR, ComCom)
In dieser Saison bist du von 4 Slalomrennen 3x in die Punkte gefahren, zudem 2x in die Top 10 und letztes Wochenende haben auf das Podest nur gerade 8 Hundertstel gefehlt. Chapeau! Wie kommt es zu diesem Lauf?
Vielen Dank! Also, es ist meine 3. Saison im Weltcup, das 3. Mal startete ich in Adelboden und nun beginne ich mich daran zu gewöhnen. Ich mache technische aber auch mentale Fortschritte. Das Ziel in diesem Jahr war es, konstante Ergebnisse zu erzielen. In den vergangenen Jahren habe ich einige Erfolge erzielt, aber auch einige weniger zufriedenstellende Ergebnisse. Jetzt, mit der Erfahrung und dem Wissen, dass ich in der Lage bin diese Leistungen zu erbringen, erziele ich sehr positive Ergebnisse. Das gibt mir Zuversicht für die Zukunft. Der Slalom ist eine Disziplin wie ein Tanz, der vom Start bis zum Ziel immer mit der gleichen Intensität durchgeführt werden muss. So bin ich an diese Saison herangegangen und das hat sich ausbezahlt.
In Adelboden haben sich deine Skier ganz kurz gekreuzt – ein Schreckmoment für uns hinter dem TV! Was geht dir in solch einem Moment durch den Kopf?
In solch einer kritischen Situation wird mir das bewusst, allerdings habe ich weniger Informationen als Ihr hinter dem Fernseher. Die Zuschauer kennen meine Zwischenzeiten und wissen daher, ob ich gut in der Zeit liege oder nicht. Als ich startete, hatte ich ein gutes Gefühl, dann wurde mir dieser Fehler bewusst. Zum Glück konnte ich sofort auf meine Spur zurückkommen.
Als ich unten ankam, sah ich, dass ich auf Platz 3 lag und dachte: "Nicht schlecht". Dann sah ich 9 Hundertstel Rückstand und dachte: "Oh nein". Ich wusste, dass ich in diesem kritischen Moment die 9 Hundertstel verloren habe. Das ist schade, aber zugleich eine gewonnene Erfahrung. Ich bin noch jung und lerne jeden Tag dazu.
Wo befindest du dich gerade? Denn in 2 Tagen findet das nächste Slalomrennen statt, allerdings nicht wie geplant in Wengen und später angekündigt in Kitzbühel, sondern in Flachau. Wie gehst du mit diesen kurzfristigen Programmänderungen um und was bedeutet das für deine Vorbereitung?
Im Moment bin ich in Italien in Pozza di Fassa. Natürlich ist es ein bisschen schade um die Änderungen. Wir haben zwei tolle Klassiker verloren, zudem auch technische Rennen, bei denen ich in der Vergangenheit gute Läufe absolvieren konnte. Am Ende bin ich einfach froh, dass wir in Flachau zwei Rennen fahren können.
Es ist wichtig, in solchen Momenten ruhig zu bleiben. Wir kamen zum Training nach Italien nach Pozza di Fassa, um uns auf die Rennen vorzubereiten. Ich bleibe daher positiv und bin glücklich, dass ich trainieren kann. Aber es ist offensichtlich, dass der Trainingsstil angepasst werden muss. In Wengen und Kitzbühel ist die Strecke hart, gefroren und steil. Flachau ist flacher. Hier in Pozza di Fassa ist die Strecke erst flach, dann steil und dann wieder flach. Für Flachau also eine gute Vorbereitung.
Zurück zum Beginn deiner noch jungen Karriere. Du wurdest 1996 in Genf geboren. Wo hast du deine ersten Schwünge in den Schnee gezeichnet?
Alles begann in Thyon 2000, als ich zwei Jahre alt war. Im Alter von 3-4 Jahren sind wir dann jeden Winter nach La Tzoumaz gefahren. Es war meine Mutter, die mich auf die Skis gestellt hatte. Seit dann hat alles seinen Lauf genommen. In meiner Familie fahren wir oft zum Spass Ski. Mein Vater ist Skilehrer, aber am Anfang war er Snowboarder und wollte, dass wir auch Snowboard fahren anstatt Ski. Erst später durch meine Geschwister wurde mein Interesse am Wettkampf geweckt (noch heute bewundere ich sie). Aber um ehrlich zu sein, waren es vor allem ihre Ski-Jacken des lokalen Skiclubs, die mich motiviert haben.
Und nun studierst du Informatik und Wirtschaft am Dartmouth College in New Hampshire, USA. Hast du eine Empfehlung für weitere SASler, die den Skisport und das Studium kombinieren möchten?
Mein Weg führte mich in die USA, weil ich Skirennsport auf hohem Niveau betreiben wollte und mein Studium mit einem "normalen" Lehrplan absolvieren wollte. In den USA ist das System genau so, wie ich mir das gewünscht habe. Die Idee war, dorthin zu gehen um Ergebnisse in internationalen Rennen zu erzielen und dann in die Schweiz zurückzukehren. Trotzdem habe ich die die Schweiz nur sehr ungern verlassen. Allerdings war das Angebot für Sportler in der Schweiz nicht so passend. In der Schweiz gab es zwar die Möglichkeit der Fernuni, aber die Campus-Atmosphäre, die ich schon in Brig erlebt hatte, hätte ich enorm vermisst. Ich wollte unbedingt am selben Ort leben, wo ich auch studiere. Dann gab es die Option, an die EPFL zu gehen und 50 % zu studieren, aber das schien mir auf das ganze Studium zu lange zu dauern. Schliesslich ergriff ich die Gelegenheit, in die USA zu gehen - wohlwissend, dass ich wieder nach Hause gehen konnte, falls es mir nicht gefallen sollte.
Seit 2017 bist du Mitglied des SAS in der Sektion Genf. Inwiefern konnte der SAS dir bei deinem Karrierestart helfen?
Zuallererst bedanke ich mich bei meinem Bruder Laszlo, der mich mit dem SAS bekannt gemacht hat. Zudem gebührt Dank der Sektion Genf, die sich bereit erklärt hat mich aufzunehmen, obwohl ich kein Student in der Schweiz war. Für mich ist es toll, dieses Netzwerk in der Schweiz zu haben. Ich habe meine Erfahrungen in den USA gemacht, ich habe meine Freunde aus Brig, aber ansonsten kenne ich nicht viele Studenten in der Schweiz. Daher komme ich immer sehr gerne zu den SAS-Events. Ich konnte schon an der Intersection, dem Opening, den Anglo-Swiss und an mehreren Stamms teilnehmen. Dabei erlebe ich ständig die Werte des SAS - Werte, die ich auch versuche in meinem täglichem Leben zu leben.
Zudem hat mir die finanzielle Unterstützung des SAS geholfen, als ich auf der Suche nach einem Sponsor war. Der SAS und einige Mitglieder haben mich finanziell unterstützt. Ich war in einer ziemlich komplizierten Phase, in der ich auf der Weltbühne noch unbekannt, zugleich aber kein Anfänger mehr war. In dieser Zeit konnte ich mich auf den SAS verlassen, was für mich sehr wichtig war. Ich versuche also immer, viel zurück zu geben. Auch wenn das Logo des SAS nicht mehr auf meinem Helm erscheint, fahre ich noch immer für die Farben des SAS. Mein Engagement hat in den letzten Jahren sogar einige meiner Teamkollegen motiviert, sich uns anzuschliessen.
Am 20. November 2018 bist du zum ersten Mal im Weltcup gestartet und hast gerade den 11. Rang belegt – besser könnte es kaum gehen! Was hat sich für dich seit dann am meisten verändert?
Am selben Tag wurde mir klar, dass ich noch lange auf hohem Niveau Skifahren werde und dass ich im Weltcup auftreten kann. Aber vor allem im mentalen Bereich hat es bei mir eine grosse Veränderung gegeben. Vorher war ich ein Student und ein Skifahrer aus der USA, der lokal guete Ergebnisse erzielte.
Mein Ziel war es, beim Weltcup in Levi (erster Weltcupauftritt) gut abzuschneiden. Aber ich hatte Pech und verletzte mich 6 Wochen vorher noch. Mit Krücken konnte ich noch an das Intersection kommen. Schlussendlich konnte ich in Levi doch an den Start. Und mit dieser Verletzung während der Vorbereitung konnte ich Druck abbauen. Ich sagte ich mir: "geniesse es einfach"! Die Bedingungen waren zu meinen Gunsten und das Skifahren fiel mir leicht. Als ich im 1. Lauf in die Top 30 gefahren bin, merkte ich, dass sich all meine Jahre in den USA, und einfach generell, lohnten.
In einem Interview von dir mit Loic Meillard (Podcast behind an alpine skier) habe ich einmal gehört, dass dein Vater zu dir sagte: "Wenn es einen Pulverschnee-Tag gibt, dann trainieren wir nicht, sondern fahren Pulverschnee". Der Spass scheint bei dir also auch immer dabei gewesen zu sein. Wie wichtig ist dir das heute noch?
Sehr wichtig, sogar noch mehr als zuvor. Es war ein wenig das Motto unserer Familie, was mein Vater da gesagt hatte. Wir gehen noch heute gerne als Familie Skifahren oder unternehmen was anderes wittziges. Jetzt, wo ich professionell Ski fahre, ist der Spass noch wichtiger geworden. Wenn ich bei einem Rennen am Start stehe, denke ich nicht über viel nach - ich nehme mir nur vor, Spass zu haben. Aber ich habe auch diese Leidenschaft für das Skifahren und den Wettkampf. Alles gehört zusammen: draussen sein, auf dem Schnee zu gleiten, die Geschwindigkeit, die Skistangen, der Kontakt und die Strategie. Aber es ist klar, wenn es einen Tag mit Pulverschnee gibt, oder wenn Snowboarden oder Kiten angesagt ist, zögere ich nicht das zu machen. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch jung bin - aber das Vergnügen ist für mich sehr sehr wichtig.
Was war dein bisheriges Lieblingsrennen? (Ich tendiere mal auf einen SAS-Event ;-))
Ich liebte die Atmosphäre an der Intersection, aber ich konnte nicht Skifahren (aus dem oben genannten Grund). Daher sage ich ganz klar: Anglo-Swiss. Letztes Jahr hatte ich die Chance, teilzunehmen. Ich liebe Traditionen und dort fand ich mich in einer schweizerischen Tradition wieder, aber auch in einer angelsächsischen (die der amerikanischen Kultur nahe steht). Diese beiden Welten zu verbinden, bedeutet für mich viel. Daher war es für mich eine grosse Freude, an den Anglo-Swiss teilzunehmen.
Letztlich noch ein kurzer Blick in die Zukunft: Was darf man diese Saison noch von dir erwarten?
Viele Überraschungen... Ich hoffe, wir können am Ende des Jahres alle zusammen auf den Pisten feiern. Das wäre sehr schön.
